Yukon: Rubys Nichten und das Gold

Jürgen Juchtmann
Jürgen Juchtmann
Freier Journalist der Reiseberichterstattung, Juchtmann reist seit mehr als 25 Jahren in Kanada.

Was glänzt denn da in der Metallpfanne? Am Boden haben sich doch tatsächlich winzige goldige Partikel gesammelt! Und dann spüre ich es auch schon, dieses merkwürdige Prickeln in den Fingern, das sich bald auf den restlichen Körper ausdehnt. Ein klarer Fall von Goldfieber!

 

Auf der 570 Kilometer langen Strecke von Whitehorse nach Dawson fallen uns zunächst die unendlich erscheinenden Weiten auf. Gelegentlich ist auch ein Bär oder ein Elch von der Straße aus zu sehen. Dutzende von Kilometern entlang der gut befestigten Straße säumen schwarze Baumstümpfe – Reste der hier von Zeit zu Zeit wütenden heftigen Waldbrände. Die von Tümpeln durchzogene Mondlandschaft kurz vor Dawson City hingegen ist eine Hinterlassenschaft der Goldförderung im industriellen Maßstab mit riesigen Schwimmbaggern.

Ein Bär an der Eisenbahnstrecke hinunter nach Skagway, Alaska. Foto: Jürgen Juchtmann

Ein solcher Bagger, Dredge No. 4, ist als nationales Monument renoviert worden und zu besichtigen. Was zunächst aussieht wie ein riesiges schwimmendes Haus mit angebauten Rolltreppen, entpuppt sich im Inneren als kompliziertes Förder- und Waschgebilde für den Kies, der das Gold in Klumpenform (Nuggets) enthält. Bis zu 23 Kilogramm des begehrten Edelmetalls entriss ein Bagger an guten Tagen dem Boden.

Beim Goldschürfen hat schon so mancher die Zeit vergessen.

Ganz so viel werden wir bestimmt nicht finden. Dennoch wollen wir natürlich unser Glück auf die Probe stellen. Im „Claim 33“ wird uns gegen eine geringe Gebühr das Gold Panning beigebracht. „Schön flach und mit kreisenden Bewegungen schütteln. Gold ist schwerer als Wasser und Gestein, es sammelt sich am Boden der Pfanne“, klärt uns Ginny Burkhard-Holl auf, die das Geschäft betreibt. Noch immer wird in der Gegend übrigens auch mit schwerem Gerät nach Gold gesucht – sein aktuell hoher Preis macht es lohnend.

Erfolgreich geschürft: Da unten ist tatsächlich etwas Goldstaub! Foto: Jörgen Juchtmann

Vom Midnight Dome aus, dem Hausberg der Stadt, haben wir den besten Blick auf die vernarbte Landschaft und die Mündung des Klondike in den Yukon River. Einige dramatisch schief stehende Häuser erinnern daran, dass der Klimawandel dem Permafrost im Boden zusetzt. Eine Reihe historischer Stätten ist erhalten geblieben und kann auf Führungen durch die Stadt besichtigt werden, so auch die Hütte des Schriftstellers Jack London („Ruf der Wildnis“, „Wolfsblut“).

Altes Haus in Dawson. Foto: Jürgen Juchtmann

Diamond Tooth Gerties Gambling Hall war und ist ein Anziehungspunkt anderer Art. Die Namensgeberin und Lebedame Gertie schmückte ihre Zahnlücke mit einem Diamanten und zog Goldsuchern den begehrten Stoff gekonnt aus den Taschen. Bis heute sorgt das Casino für Ablenkung vom harten Alltag mit Spieltischen, einarmigen Banditen und Hupfdohlen auf der Bühne. Für derlei Dinge waren sie schon immer zu haben, die Goldgräbertypen mit sonnengegerbten Gesichtern, Zauselbart und Händen groß wie Kohlenschaufeln.

Diamond Tooth Gerties`: Immer noch ein Anziehungspunkt auch für echte Digger

Am Karaokeabend in der Bar des Midnight Sun Hotels treffen wir ein solches Original. Nach zwei, drei Bieren wird der geschätzt 75 Jahre alte Veteran („Nenn mich Bob“) gesprächig. „In den 1960er Jahren, da war hier noch was los“, erzählt er mit schwerer werdender Zunge. „Ruby leitete das örtliche Etablissement für Herrenbesuche. Und sie hatte viele schöne Nichten, you bet“, fügt er melancholisch hinzu. Die goldene Vergangenheit …

 

Als 1897 die Kunde von Goldfunden am Bonanza Creek bei Dawson die US-Westküste erreichte, titelte der Seattle Post-Intelligencer „Gold! Gold! Gold!“ 68 reiche Goldschürfer hatten die Stadt erreicht und zahlten mit dem blanken Metall. Daraufhin setzte ein bis dahin nicht gekannter Run auf die Goldfelder im Yukon ein. Tausende Abenteurer machten sich auf den Weg. In seiner Blütezeit war Dawson eine riesige Zeltstadt für mehr als 30.000 Menschen. Heute leben hier noch etwa 1.800.

Nichts für zartbesaitete Explorer: Der amputierte Zeh schmeckt erst mit Scotch Whisky richtig gut!

„Habt ihr schon den Sourtoe-Cocktail probiert?“ fragt Bob. Natürlich haben wir das, wie es sich für jeden halbwegs mutigen Besucher des Yukon gehört. Im Sourdough Saloon wählten wir ein Getränk aus, das uns geeignet erschien: Scotch Whisky. Dann legten wir einen mumifizierten menschlichen Zeh in das Glas und mussten ihm beim Trinken mit den Lippen berühren. „Verschlucken wird nicht empfohlen!“, betont Bob mit einem Grinsen. Die Prozedur ist zurückzuführen auf einen Schabernack, den Goldgräber früher mit Neuankömmlingen trieben. Im Winter froren damals eben öfter mal Zehen ab. Als wir unsere Urkunde Bob präsentieren, bricht er in schallendes Lachen aus und klopft uns auf die Schulter, dass es nur so kracht: „Well done, really well done. Now you have arrived in the Yukon!“

Related Posts