Schlaflos auf Schotter: Auf dem Dempster Highway zum Polarkreis

Dempster Highway

Als die Ampel in Whitehorse, der Hauptstadt des Yukon Territoriums, auf Grün springt, beginnt die große Freiheit. Bis zur nächsten Ampel, die nördlich des Polarkreises den Verkehr regelt und die in Inuvik in den Northwest Territories steht,  sind es rund 1.305 Kilometer. Dazwischen liegen die Goldgräberstadt Dawson City und ab dort 740 Kilometer Schotterpiste auf dem Dempster Highway durch eine der spektakulärsten Landschaften der Welt.

 

Der wichtigste Rat für einen Roadtrip im hohen Norden Kanadas ist der: Tanke, wann immer du die Gelegenheit hast und die Tankstellen offen sind. Denn sonst kann es schnell mal passieren, dass um fünf Uhr morgens der verdammte Tankautomat in Dawson City die Kreditkarte nicht akzeptieren will. Und bis die einzige Tankstelle in Dawson sonntags öffnet, dauert es dann eine Ewigkeit. Und es gibt weiß Gott Besseres im Yukon zu tun, als auf einem Parkplatz auf den Tankwart warten zu müssen.

 

Erst fünf Kilometer auf dem Dempster gefahren, plötzlich scheppern Töpfe und Pfannen – das geteerte Stück Straße geht nahtlos auf die Schotterpiste über. Spätestens jetzt wünschen sich Wohnmobilfahrer einen Truck-Camper. Nicht nur, weil diese mit ihren dicken Reifen und Allradantrieb einen gewissen Coolness-Faktor besitzen, gegen den ein Wohnmobil reichlich bieder wirkt. Bei einem Truck-Camper ist die Fahrkabine vom Wohn- und Küchenbereich getrennt: Das verspricht geräuscharmes Fahren auf der mit Schlaglöchern durchsetzten Waschbrettpiste.

Der Dempster Highway am 18. August 1979.

Mitten in der Wildnis hört die Straße auf

 

Die Straße nach Inuvik existiert erst seit 37 Jahren. Die Route folgt größtenteils einem früheren Hundeschlittenpfad, der von Dawson City nach Fort McPherson in die Northwest Territories führte. Ausschlaggebend für den Bau war die Vermutung, dass sich in der Nähe des Polarkreises Öl finden lässt. 1959 wurde mit dem Straßenbau begonnen und zwei Jahre später, als die Suche nach Öl erfolglos verlaufen war, wieder eingestellt. Bis dahin waren grade mal 115 Kilometer fertig gestellt, die irgendwo in der Wildnis endeten, was der Piste den Namen „Straße ohne Wiederkehr“ einbrachte.

 

Weitere 18 Jahre sollten vergehen, bis der Dempster Highway am 18. August 1979 eröffnet wurde, benannt nach William John Duncan, der im Dienst der Royal Canadian Mounted Police unter anderem Post mit dem Hundeschlitten von Dawson City nach Fort McPherson transportierte.

Der Dempster ist ein riesiger Drive-In-Wildnis-Park, in dem es Grizzlybären, Schwarzbären, Elche, Wölfe, Füchse, Karibus und Schafe zu sehen gibt.

Auf der Landebahn ist Parken verboten

 

Heute sind es überwiegend schwere Trucks mit Versorgungsgütern, die über die staubige Piste rumpeln. Im Sommer gesellen sich Truck-Camper, Wohnmobile, Motorradfahrer und Radfahrer hinzu. Denn der Dempster ist ein riesiger Drive-In-Wildnis-Park, in dem es Grizzlybären, Schwarzbären, Elche, Wölfe, Füchse, Karibus und Schafe zu sehen gibt. Und Flugzeuge! Bei Kilometer 124 und 237 sollten Autofahrer nicht nur auf den Straßen-, sondern auch auf den Luftverkehr achten. Einige Abschnitte der Piste dienen als Flugzeuglandebahn. Parken ist dort strengstens verboten.

 

Wer den Dempster schnell fährt, ist selbst schuld. Für den Dempster sollten Besucher Zeit mitbringen, jeden Kilometer genießen wie ein Fünf-Gänge-Menü. Das Amuse-Gueule serviert der Highway bei Kilometer 72: Der Tombstone Territorial Park, in dem schroffe Berge über 2.000 Meter aus der Tundra emporragen und im Schein der Mitternachtssonne ein atemberaubendes Relief am glutroten Himmel bilden.

Ogilvie Viewpoint

Die staubige Schotterpiste ist purer Luxus

 

Wie kommen Reisende nur auf die Idee, ihren Urlaub auf einer staubigen Rumpelpiste zu verbringen? Weil es purer Luxus ist, der hierzulande vergebens gesucht wird. Weil die Tundra so weit und die Landschaft so wild ist. Wollgras, Moose, Flechten und kleine Fichten säumen die Straße. Am Horizont reihen sich nicht endende Bergketten aneinander, neben denen die Alpen wie eine Miniaturlandschaft aussehen. Am Two Moose Lake steht eine Elchkuh, einen Augenblick später galoppiert ein imposanter Elchbulle über die Tundra. Das warme Licht lässt die Berge glühen, die Tundra leuchtet golden. Zwischen den Bergen liegt der Dempster im gleißenden Sonnenlicht, als würde er durch einen Lichttunnel in eine andere Welt führen.

 

Eine halbe Stunde später windet sich der Dempster über den Windy Pass Summit in eine mondähnliche Landschaft, die aus kegelförmigen baumlosen Bergkuppen besteht. Am dämmerblauen Morgenhimmel leuchten Wolken in einem wilden surrealen Farbenrausch. Bei Kilometer 245 beginnt der „Seven-Mile-Hill“, der 300 Höhenmeter auf das Eagle Plain Plateau führt. Beim Ogilvie-Peel Viewpoint stören zwei in die Jahre gekommene Plumpsklo-Häuschen den Ausblick auf das beeindruckende Panorama der Richardson Mountains.

 

Auf halbem Weg erscheint eine Tankraststätte in der Ödnis der Tundra: „Eagle Plains“, das sich stolz als „Oase inmitten der Wildnis“ bezeichnet. Übertrieben ist das nicht, es gibt ja weit und breit nichts anderes. Luxus sollte freilich nicht erwartet werden. Alles ist zweckmäßig. Und teuer. Benzin. Übernachtung. Essen. Auf das Essen wird sogar eine obligatorische Benzin-Abgabe von zehn Prozent erhoben.

Parken am Polarkreis

Parken am Polarkreis

 

Wer auf den Luxus und die gut bestückte Bar von „Eagle Plains“ verzichten kann, fährt 40 Kilometer weiter und parkt seinen Camper in der Einsamkeit direkt am Polarkreis. Dort gibt es windschiefe Toilettenhäuschen, einen Picknickplatz und das Hinweisschild  „Arctic Circle 66° 33′ North“, unter dem ein neugieriges Erdmännchen hervorkommt und nach Futter bettelt. Die Landschaft ist karger, die Berge kleiner, die Nächte taghell. Schlafen ist nur noch mit Augenmaske möglich: Im Land der Mitternachtssonne geht ab dem 22. Juni die Sonne nicht mehr unter.

 

Bei Kilometer 456 zeigt ein Schild die Grenze der Northwest Territories an. Die Hinweisschilder wechseln von grün (Yukon) auf blau (Northwest Territories), die Kilometermarker beginnen bei null. Ab hier gilt auch die Mountain Standard Time, die Uhren müssen also eine Stunde vorgestellt werden. Als ob das in der Wildnis eine Rolle spielen würde. Oh ja, tut es! Denn die beiden Fähren, Peel River und MacKenzie, verkehren nur bis Mitternacht beziehungsweise ein Uhr morgens. Wer sie verpasst, muss bis zum nächsten Morgen am Ufer warten.

Dempster Mitternacht

Sahara-Feeling in der kanadischen Arktis

 

Kurz nach dem Tetlit Gwinjik Territorial Park geht es rund 1.000 Höhenmeter hinab ins Mackenzie Delta. Dort mündet Kanadas längster Fluss nach über 4.200 Kilometern in die Beaufortsee. Die Sonne brennt 24 Stunden auf die Straße, das Thermometer klettert auf über 30 Grad. Lastwagen ziehen riesige Staubwolken hinter sich her, die Sicht ist gleich null. Fühlt sich eher an wie in der Sahara denn in der kanadischen Arktis. Tanklastwagen und Bautrupps sind unentwegt beschäftigt, die Piste zu bewässern und instand zu setzen.

 

Der Dempster ist auf der gesamten Strecke mit einer bis zu zweieinhalb Meter dicken Kiesschicht isoliert. Ohne sie würde der Permafrostboden tauen und die Straße tief im Morast versinken lassen.

 

Mitternachtsgemüse in Inuvik

 

Bei Kilometer 272 ist Inuvik, Kanadas größte Stadt nördlich des Polarkreises, erreicht. Rund 3.500 Menschen leben hier. Die Häuser sind auf Stelzen gebaut, in der Stadt gibt es einen Flugplatz, einen Golfplatz und ein Gewächshaus, das in einer ehemaligen Hockeyarena angelegt wurde. Mitglieder erhalten kleine Parzellen, auf denen sie während des kurzen Sommers ihr eigenes Gemüse anbauen und ernten können.

 

Im Winter kann weiter bis nach Tuktoyaktuk gefahren werden – auf der Iceroad, die entsteht, wenn die Flüsse mit einer dicken Eisschicht überzogen sind. Seit 2014 wird an der 134 Kilometer langen Straßenverbindung gearbeitet. Das 206 Millionen Euro teure Straßenbauprojekt soll spätestens 2018 vollendet werden.

 

In Inuvik ist das Ende des Dempster Highways erreicht. Ab da stehen 737 Kilometer Rückfahrt bis zum Klondike Highway bevor. Wer aufs Gas drückt, ist in 16 Stunden wieder zurück in Dawson City.

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