Freier Journalist der Reiseberichterstattung, Juchtmann reist seit mehr als 25 Jahren in Kanada.

Im Café le Saint-Malo herrscht reger Betrieb. Wohlwollend und mit einem ins Grinsen spielenden Lächeln registriert die Kellnerin meine Bemühungen, Fragmente des in der Schule gelernten Französisch anzubringen. Irgendwoher zaubert sie plötzlich eine englischsprachige Speisekarte. Merci beaucoup!

 

Das Menü des Café le Satin-Malo reicht von Entensuppe über Muscheln bis zu gebratener Blutwurst. Touristen mischen sich unter Einheimische mit Baskenmütze, und Banker sitzen neben Bauarbeitern. Bunte Bilder aller Stilrichtungen zieren die Wände, dazu eine eklektische Mischung von Antiquitäten oder was sich dafür hält. Das Café liegt ja auch an der Antiquitätenmeile der Ville de Québec, auf Englisch bekannt als Quebec City, dieser französischsten aller frankophonen Städte Kanadas.

Frankophones Bummeln durch enge Straßen und Gassen. Foto: Asymetric/Finn O’hara

Von hier sind es nur wenige Schritte zur Altstadt direkt am Sankt-Lorenz-Strom, auf dem die ersten Siedler aus der Alten Welt ankamen. Frisch gestärkt machen wir uns zu Fuß auf den Weg. Wer sich den Abstieg in die Altstadt oder den Wiederaufstieg erleichtern will, nimmt von der Terrasse Dufferin aus eine in den Fels gebaute Standseilbahn. Sie ist die bequeme Verbindung zum Quartier Petit-Champlain. Dort stehen rund um die Place-Royale die ältesten Häuser der Stadt. Dutzende von Kunsthandwerkern und Galerien bieten Kitschiges und Kreatives an, laden zum Bummeln und zum Staunen ein – Savoir-vivre im besten Sinne.

Stadttor: Québec besitzt die einzige Stadtmauer nördlich von Mexiko!
Basse-Ville, die Unterstadt: Romantik des "ancien régime".

Québec, das heißt in der Sprache der Ureinwohner „wo sich das Wasser verengt“. Besonders gut lässt sich das erleben auf der Fähre zwischen der Altstadt und dem gegenüber gelegenen Lévis. Beeindruckend ist die Fahrt in der Dämmerung und nach Einbruch der Dunkelheit. Das Klima unten am Fluss ist ein wenig milder als 80 Meter höher in der Oberstadt, wo schon mal ein rauer Wind weht. Über der Altstadt thront als weithin sichtbares Wahrzeichen das Fairmont Le Château Frontenac, ein Hotel der Spitzenklasse mit dem Charme einer längst vergangenen Zeit.

Selten findet sich in Nordamerika soviel Geschichte auf so engem Raum wie in Québec.
Das Chateau Frontenac zählt zu den schönsten Hotels der Welt.

Viele Straßen im Stadtkern erinnern uns mit ihren sorgfältig gepflegten und aufwändig renovierten Gebäuden an Viertel in Paris oder Marseille. Hollywood-Regisseure wie Steven Spielberg nutzen sie immer wieder gerne als Filmkulisse, beispielsweise für die Gaunerkomödie „Catch Me If You Can“ mit Leonardo DiCaprio und Tom Hanks. Weil wir erneut Appetit verspüren, nehmen wir mit Freude zur Kenntnis, dass die Cafés und Restaurants alles bieten, was der Gaumen begehrt, sei es nun ein klassischer „croque-monsieur“ oder ein mehrere Gänge umfassendes Dinner.

Québec ist berühmt für seine kreative, französisch inspirierte Cuisine.

Québec atmet Geschichte, französische und nordamerikanische. Die Stadt gehört zum UNESCO- Weltkulturerbe und gab der gesamten Provinz ihren Namen. Häufig fallen uns kleine Plaketten an Gebäuden ins Auge, die auf historische Ereignisse oder Personen hinweisen. Gerahmt wird Québec von der einzigen vollständig erhaltenen Stadtmauer nördlich Mexikos auf dem amerikanischen Kontinent. Der Blick hinauf zur Zitadelle mit der Terrasse Dufferin und den dort aufgereihten eisernen Kanonen lässt uns etwas von der Feuerkraft erahnen, die hier im 18. Jahrhundert stationiert war.

Der von den Engländern gebauten Zitadelle wurde eine Feuerprobe erspart.

Dazu besteht eine geschichtliche Verbindung nach Deutschland, konkret nach Westfalen: Als im siebenjährigen Krieg am 1. August 1759 in der Schlacht bei Minden die preußischen Truppen die Franzosen vernichtend schlugen, besiegelte dies auch die Geschichte der Provinz Québec. Das Kalkül der Franzosen, mit einem Sieg über England und Preußen in Europa ein Faustpfand im Krieg um Québec zu gewinnen, ging nicht auf. Nur Wochen später schlugen die Briten ihre Widersacher auch bei Québec und in der Seeschlacht von Quiberon. Der Friedensschluss von 1763 markierte das Ende der französischen Vorherrschaft in diesem Teil Nordamerikas.

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