Stefan Nink fliegt, fährt und läuft für Magazine, Radiostationen und Buchverlage über den Planeten.

In Ontarios Algonquin Provincial Park leben tausende Elche. Da muss man doch einen sehen können auf einer Tour im Kanu! Kann man. Geduld braucht man aber trotzdem. Und ein bisschen Glück. Vor allem aber sollte man keinen Lärm machen. Auf der Suche nach einem kanadischen Wahrzeichen.

 

Ein regelmäßiges „Sch-sch-skwusch” und hin und wieder ein „Klonck“. Mehr ist nicht zu hören. Das „Sch-sch-skwusch“ ist unserer Paddel im See. Es ist leise. Und unverdächtig. Das „Klonck“ aber ist laut. Und nicht gut. Überhaupt nicht gut. Es entsteht, wenn man mit dem Paddel an den Rand des Kanus schlägt. Bei jedem „Klonck“ ergreifen die Tiere die Flucht. Sie hören uns kommen. Bären, Wölfe, Elche und Adler. Keiner da. Noch nicht einmal ein Biber. Aber schön ist es trotzdem, auf diesem See. Bunte Laubbäume, blauer Himmel, dazu kristallklare Luft. Wo sind wir überhaupt? Kanada, klar. Ontario, genau genommen. Im ‚Algonquin Provincial Park‘, eines jener unberührten Fleckchen Erde, in der man mit der Natur allein ist. Beim ‚Algonquin Park‘ liegt das vor allem daran, dass man ihn nur über eine einzige Straße erreichen kann. Den Highway 60. Er führt im Osten in den Park hinein und im Westen wieder hinaus. Und weil die Straße den 7.000 Quadratkilometer großen Park an seinem südlichsten Zipfel durchquert, lassen sich weit über 90 Prozent des Parks nur schwer erreichen: im Wasserflugzeug – oder eben im Kanu.

Die besten Chancen, einen Elche zu sehen, hat man frühmorgens oder kurz vor Sonnenuntergang!. Foto: Stefan Nink
Das Kanu wurde von den Ureinwohnern erfunden und ist bis heute das beliebteste Wasserfahrzeug Kanadas. Foto: Stefan Nink

Wir sind einfach losgepaddelt. Gleich nach dem Frühstück, mit Blueberry-Pancakes im Bauch. Das ‚Arowhon Pines Resort‘ liegt am Ende des Waldes, direkt an einem der über 2.500 Seen im ‚Algonquin Park‘. Theoretisch könnte man vom Steg des Resorts von See zu See bis hinauf an die Hudson Bay paddeln oder hinunter bis nach Manhattan. Schon am Vorabend hatten wir uns nach der besten Elchbeobachtungszeit erkundigt. „Frühmorgens”, lautete die Antwort des Experten an der Rezeption. Und wo sieht man Elche? „Überall!“, fügte er hinzu, ganz so, als hätten wir einen Parkverwalter in Deutschland gefragt, wo in seinem Park Kaninchen herum hoppeln. Laut Reiseführer leben im ‚Algonquin Park‘ geschätzte 3.000 Elche. 3.000! Und was war da auf dem Foto auf der Broschüre zu sehen, die wir bei der Einfahrt in den Park erhalten haben? Na also.

Wo der Elch zum Wasser gestakst ist, hat er gut erkennbare Schneisen im Schilfgras hinterlassen. Foto: Stefan Nink
Bei jeder Einbuchtung heben wir die Paddel aus dem Wasser, um den Elch nicht zu erschrecken. Foto: Stefan Nink

Kanufahren in Kanada ist übrigens etwas ganz Besonderes. Schon nach ein paar Minuten fällt der Stress von der Seele. Kanufahren kann wie eine Meditation sein. Wir paddeln am Ufer des Sees entlang. Bei jeder Einbuchtung heben wir die Paddel aus dem Wasser, um den Elch nicht zu erschrecken, der hinter der Ecke auf uns warten könnte. Leider nicht. Dann eben hinter der nächsten Ecke. Da hinten sieht es doch absolut nach Elchgebiet aus! Oder auch nicht. Nachmittags legen wir an. Wir haben Hunger. Irgendwann sind auch die weltbesten Blueberry-Pancakes verdaut. Wir essen unsere mitgebrachten Sandwiches und diskutieren über Biber. Eigentlich nur, um uns darüber hinweg zu trösten, dass wir noch immer keinen Elch gesehen haben. Noch nicht einmal einen ganz kleinen.

Das laute "Klonck" des gegen die Kanuwand schlagenden Paddels sollte man bei der Suche nach dem Elch tunlichst vermeiden. Foto: Stefan Nink

Auf dem Rückweg zum Resort kommt uns ein anderes Kanu entgegen. „Habt ihr Elche gesehen?“, wollen wir wissen. „Ja“, sagt die Frau. Natürlich hätten sie Elche gesehen! „Die letzten gerade erst, in der kleinen Bucht gleich da vorne. Eine Kuh mit Kalb, halb im Wasser.“ Wir paddeln, als seien die Arme nicht schwer und nähern uns der Bucht, der Bucht mit den zwei Elchen. Doch dann passiert es. „Klonck“. Und gleich darauf ein zweites „Klonck“. Wir gleiten um die Ecke einer sehr malerischen Bucht. Ohne Elch. Die Rückkehr ins Resort verbringen wir schweigend. Und auch das Abendessen fällt kurz und einsilbig aus. Es dämmert, als wir das Restaurant verlassen und zu unserem Blockhaus gehen. Und: „Da!“ Eine Elchkuh und ihr Kalb stehen wenige Meter entfernt am Waldrand! Sie schauen uns an. Erstaunt. Wahrscheinlich hatten sie nicht damit gerechnet, dass die Menschen ihr Abendessen so früh beenden. Und vielleicht haben sie darauf gewartet, dass zuvor irgendwo ein „Klonck“ ertönt.

An Kanus herrscht im Arowhon Pines Resort kein Mangel. Foto: Stefan Nink

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