Kein Park ist abgelegener, wilder und unberührter als Ivvavik. Hoch über dem Polarkreis und nicht weit entfernt von der Beaufort-See gelegen, umgeben von der zerklüfteten Bergkette der British Mountains, befindet sich eine der spektakulärsten Landschaften Kanadas. Das prähistorisch anmutende Gebiet wird jährlich von weniger als einhundert Menschen besucht. Ivvavik ist der Nationalpark für Entdecker und Abenteurer, die eine der letzten unberührten Naturwunder dieser Erde erleben wollen.

Sheep Creep International Airport

Starke Fallwinde werfen die zweimotorige Twin-Otter wie einen Gummiball auf und ab. Zwischen den Gipfeln schroffer Berge glitzert das eisige Wasser des Firth Rivers und dann, irgendwo dort unten, zeigt sich ein schmaler Strich: die Landepiste, mitten in der Wildnis, markiert von Benzinfässern. „Festhalten“, ruft Mike seinen Passagieren zu, die sich zwischen Rucksäcken und Lebensmittelproviant auf ihren Sitzen zwängen. Es gibt einen Rumms, Steine fliegen nach allen Seiten, der Pilot bremst die Maschine stark ab. Köchin Louisa lacht beherzt. Die Eier sind bei der harten Landung heil geblieben. Willkommen am Sheep Creep International Airport.

Das Base-Camp im Ivvavik National Park

Abgeschnitten von der Außenwelt 

 

Das Base-Camp im Ivvavik National Park ist nach dem Gebirgsbach Sheep Creek benannt. Für wenige Wochen im Juni und Juli dient das Sheep Creep Camp als Ausgangsbasis für Exkursionen bei Tag und Nacht. Während des kurzen arktischen Sommers geht über dem Polarkreis die Sonne nie unter. Das heißt wenig Schlaf, dafür verbleibt umso mehr Zeit für Outdoor-Aktivitäten im Schein der Mitternachtssonne. Das von Parks Canada organisierte Fly-in-Camp besteht aus einer kleinen Hütte mit Küche, Aufenthaltsraum und einer solarbetriebenen Dusche sowie WC. Geschlafen wird in Zelten. Das Camp wird von einem elektrischen Zaun gesichert. Wegen der Bären. In Ivvavik leben Grizzlybären, weiter im Norden sogar Eisbären, die hin und wieder bis nach Ivvavik kommen. Die einzige Verbindung zur Außenwelt ist das Satellitentelefon. „Emergency only“ steht auf der hölzernen Box, in der sich das Telefon befindet. Hier draußen will niemand zum Hörer greifen müssen. Sicherheit hat höchste Priorität. Die Ranger Mervin und Rachel, beides Inuvialuit, wie die Ureinwohner der westlichen kanadischen Arktis heißen, zeigen den Neuankömmlingen den Umgang mit dem Bärenspray.

Die Inuvialuit kämpften für den Erhalt der Karibus und des Nationalparks

 

Ivvavik ist eine der am wenigsten bereisten Ecken dieser Erde. Zum Vergleich: Der Nationalpark im Norden des Yukon bekommt im Jahr weniger Menschen zu Gesicht als der Gipfel des Mount Everest an einem einzigen Tag!

 

Wegen der Porcupine Karibu-Herde, die in den Tälern ihre Kälber zur Welt bringt, nannten die Inuvialuit das Land „Ivvavik-Geburtsstätte“. Den Ureinwohnern ist es zu verdanken, dass es 1984 zum Nationalpark wurde. Das Landabkommen mit der kanadischen Regierung sichert dem Park die Unberührtheit. Ölbohrungen oder das Ausbeuten anderer Bodenschätze sind tabu. Renie Aray hat sich damals jahrzehntelang als Aktivistin für den Nationalpark stark gemacht. Heute bereichert die 73-jährige Renie mit ihrem Wissen um Traditionen und Bräuche der Inuvialuik als kulturelle Botschafterin den Aufenthalt im Sheep Creek Camp. Und mit ihrem selbst gemachten Medizintrunk, einem bitteren Sud aus gekochtem Kiefernharz, verhilft sie einem erkrankten Teilnehmer auf wundersame Weise zu neuen Kräften.

Inspiration Point

Berge taufen in der Mondlandschaft

 

Während auf dem Mond jeder Krater bis in den letzten Winkel erfasst ist, sind in Ivvavik die Berge überwiegend namenlos. Mervin Joe, Chef des Sheep Creek Camps, hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, neue Trails zu erkunden und die Berge zu taufen. Eine Handvoll Gipfel hat Mervin Joe bereits mit Namen versehen. Zu seinen Lieblingsbergen zählen Halfway to Heaven, Dragons Tor und Inspiration Point. Einsam, wild und ursprünglich. Die Landschaft in Ivvavik mutet prähistorisch an. Während der Eiszeit gab es in diesem Teil des Yukon Territoriums keine Vergletscherung. Die Natur ist unberührt geblieben und es würde niemanden wundern, wenn plötzlich ein Tyrannosaurus über die Tundra gewandert käme.

 

Die Mitternachtssonne taucht die kahlen, kegelförmigen Berge in ein goldenes Licht. Das schier endlose Tal, aus dem der Firth River wie ein türkisfarbenes Band hervorfunkelt, leuchtet samtig grün. Ein Spektrum an nie dagewesenen Farben und Formen. Würde eines Tages auf dem Mond Vegetation entstehen, es würde aussehen wie in Ivvavik.

 

Halfway to Heaven

Durch das Drachentor zum Himmel

 

Die unberührte Schönheit hat ihren Preis. Auf dem Hike zum Halfway to Heaven gesellen sich Schwärme von Moskitos und Black Flies um die Wanderer. Erst der Wind, der ab dem Dragons Tor kräftig bläst, vertreibt die üblen Biester. Grasbewachsene Hügel gehen in steinige Grade über. Der Bergrücken sieht tatsächlich aus wie ein zu Fels gewordener Drachen. Wegmarkierungen gibt es keine, selbst Mervin muss sich an markanten Punkten orientieren oder das GPS zu Hilfe nehmen. Der Aufstieg zum Grat des Halfway to Heaven ist hochalpin, der Pfad ist nur noch zu erahnen. Tatsächlich, mit einem Mal scheint der Himmel in dieser monumentalen Einsamkeit in greifbare Nähe gerückt. Mutige kraxeln mit Händen und Füßen die letzten Meter zum Himmelsfenster, ein Guckloch mitten im Felsen. Was für eine Kulisse für ein Gipfel-Selfie! Auf Halfway to Heaven fühlen sich Abenteurer wie im siebten Himmel.

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