Jörg Michel wohnt in Alberta, und arbeitet dort als Kanadakorrespondent für deutschsprachige Medien.

Wir befinden uns an einem nebelverhangenen Ort irgendwo am Ende der Welt. Mal peitscht der Regen, mal bricht die Sonne kurz durch die tief hängenden Wolken und taucht die vor uns liegende Insel in ein magisches Licht.

 

Hohe Wellen rollen auf das Ufer zu und zerbersten an einem Riff. Der Strand ist übersät mit farbigen Kieseln, glitschigem Tang und verwitterten Baumstämmen. Aus der Ferne erkennen wir windschiefe Säulen im Wald. Sie wirken wie erstarrte Zeugen aus der Vorzeit. Ein paar Seelöwen springen erschrocken von einem Felsen, majestätische Weißkopfseeadler steigen von ihren Baumwipfeln auf und ziehen ihre Kreise.

Eine Kolonie Robben im Gwaii Haanas Nationalpark. Foto: Jörg Michel
Ein Totempfahl nahe Skidegate auf Haida Gwaii. Foto: Jörg Michel

Hier begannt einst die Schöpfung. Jedenfalls glauben das die Ureinwohner, die seit Tausenden von Jahren auf diesen Inseln leben, wie unsere Führerin von Moresby Explorers berichtet, während sie das Schlauchboot geschickt durch die Untiefen des Meeres steuert. Vier Tage lang sind wir unterwegs in den Gewässern von Gwaii Haanas, einem abgelegenen Nationalpark im äußersten Westen von British Columbia. Der unbewohnte Park umfasst den südlichen Teil eines verwunschenen Archipels, das früher Queen Charlotte Islands hieß. Seit 2009 werden die rund 150 Inseln und Inselchen in Anerkennung ihres indigenen Erbes Haida Gwaii genannt.

 

Am Ufer warten ein schlaksiger Mann und eine kleine Frau auf uns. Jordan und Shirley Yeltatzie arbeiten den Sommer über als Wachleute. Sie beschützen die fragilen Totempfähle und Langhäuser, die zum Erbe ihrer Ahnen gehören und sogar zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen. Dabei sind die beiden Haida ganz auf sich alleine gestellt, denn hier draußen gibt es weder Straßen noch Häuser, sondern nur eine kleine Hütte im Wald. Ab und zu kommen Gäste vorbei. Wie wir heute.

Ein alter Totempfahl im Gwaii Haanas Nationalpark. Foto: Jörg Michel
Raven wacht über die Totempfähle in Skedans. Foto: Jörg Michel

S’Gang Gwaay nennen Jordan und Shirley die Insel in ihrer traditionellen Sprache, was Kabeljau-Insel bedeutet. Nach ein paar Schritten durch den Morast entdecken wir die ersten riesigen Totempfählen. Mehr als 30 haben auf dieser Insel die Zeit überdauert. Manche von ihnen sind bis zu 400 Jahre alt. „Wenn ich unter den Totempfählen stehe, spüre ich die Kraft des Schöpfers“, sagt Jordan. „Für mich haben sie etwas Spirituelles.“ Seit über 10.000 Jahren leben die Haida in diesem Gebiet, auf S’Gang Gwaay waren es einmal 300 Familien. Auch früher hatten sie Wachleute, freilich mit einer anderen Aufgabe: Die Wächter von damals hielten Ausschau nach Walen, Bären oder dem Zug der Lachse.

 

Wir übernachten auf einem Hausboot. Am nächsten Morgen geht es weiter zum Dorf Skedans auf Moresby Island. Eine halbe Tagesreise liegt vor uns. Wir fahren vorbei an schroffen Küsten, sandigen Lagunen und einsamen Stränden, durch enge Meeresarme und Kanäle, an deren Felswände bunte Seesterne kleben, als hätte man sie mit Pattex angebracht. Plötzlich hält unser Guide das Boot abrupt an: In der Ferne gleitet ein Buckelwal elegant durch das Wasser. Erst sieht man nur seine Rückenflosse. Doch als sich der Wal krümmt und in die Tiefe taucht, ragt seine Fluke aus dem Wasser, und Applaus braust auf im Boot.

An der Spitze vieler Totems halten Watchmen Ausschau. Foto: Jörg Michel

Am Strand von Skedans stehen zwei Haida-Frauen und winken. Die Sonne hat sich mittlerweile durch den Nebel gekämpft und verwandelt die Insel in ein lebendiges Grün. Eileen und Raven halten hier die Stellung, um ein Auge auf die Überreste von 30 Langhäusern zu werfen, mächtige Holzbauten, in denen einst reiche Haida-Familien wohnten. Davon geblieben sind ein paar zerbrochene, ineinander verkeilte Balken, überwuchert von Gräsern und Büschen. Dazwischen liegen umgestürzte Totempfähle. „Für uns sind diese Ruinen wichtig, denn sie helfen uns bei der Rückbesinnung auf unsere Kultur“, erklärt uns Aileen, die seit vier Jahren jeden Sommer hierher in die Einsamkeit kommt.

 

Jetzt sind es nur noch wenige Stunden, bis die Dämmerung herinbricht. Schon bald werden sich Aileen und Raven in ihre Hütte zurückziehen und durch das große Fenster nach draußen schauen. Stets mit dem Blick auf das Meer, stets auf der Hut, damit den Langhäusern und Totempfählen nichts passiert. Damit die Inseln von Haida Gwaii der Ort der Schöpfung bleiben.

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