Jörg Michel wohnt in Alberta, und arbeitet dort als Kanadakorrespondent für deutschsprachige Medien.

Das Tal wirkt wie ein riesiges Waschbrett aus Fels, Geröll und Stein. An kaum einem anderen Ort gibt es so viele Fossilien zu sehen wie hier, wo der Red Deer River eine bizarre Mondlandschaft geschaffen hat. Kein Wunder, dass der Dinosaur Provincial Park zum Weltnaturerbe gehört.

 

Der Highway aus Calgary heraus ist kerzengerade. Wir fahren nach Osten, in die unendlichen Weiten der kanadischen Prärie. Am Autofenster ziehen Farmhäuser mit bunten Dächern vorbei, Felder mit Strohballen und Getreidesilos. Badlands nennt sich die Gegend im Süden Albertas, frei übersetzt „Ödland“. Schon bald tauchen tiefe Canyons, Krater und von der Erosion zerfressene Täler auf. Nach zweieinhalb Stunden Fahrt dann ein Schild: „Dinosaur Provincial Park“.

 

Brad empfängt uns mit einem Truck voller Schaufeln, Haken und Eisen. Der Ranger arbeitet in dem 70 Quadratkilometer großen Park und nimmt uns mit zu den Fossilienfeldern des Tals für eine Tageswanderung. Zwei Drittel des Schutzgebiets sind wegen ihrer paläontologischen Kostbarkeiten nur mit Führung zu betreten. „Vor etwa 75 Millionen Jahren wimmelte es hier nur so vor Dinosauriern“, erklärt Brad.

Jeder Regen wäscht neue Dino-Knochen aus dem weichen Sandstein. Foto: Travel Alberta

In der Oberkreidezeit war die Gegend ein riesiger Jurassic Park, in dem damals noch tropisches Klima vorherrschte. Gigantische Flüsse und Moore durchzogen das Land, und es kam immer wieder zu Überschwemmungen, denen viele der Dinosaurier zum Opfer fielen. Heute kommen ihre versteinerten Knochen dank der Erosion tausendfach zu Tage. Tatsächlich müssen wir höllisch aufpassen, um beim Laufen nicht über die steinernen Relikte zu stolpern. Überall ragen sie aus dem sandigen Erdreich heraus oder liegen verstreut auf dem Boden.

 

„Wir haben Fossilien von 42 verschiedenen Dinosaurier-Arten gefunden“, berichtet Brad. Insgesamt 350 komplette Dino-Skelette sind darunter und mehr als 10.000 Einzelknochen. Am Knochenbett mit der Nummer 30 kniet Brad nieder. Vorsichtig zieht er eine grüne Schutzplane zur Seite. Im sandigen Geröll erkennen wir Bruchstücke von Knochen, aber auch andere Fossilien von Meerestieren oder Reptilien. Wer Zeit hat, kann mithelfen und unter Anleitung von Experten selbst nach Fossilien buddeln. Zwei bis drei Tage dauert der Schnupperkurs, den der Park jeden Sommer anbietet.

Skurile Felsformationen wohin man auch blickt. Foto: Travel Alberta

Wir aber wandern weiter durch die Wüste. Schon bald sind wir umringt von Hoodoos, skurrilen Felsformationen, die in den tiefblauen Himmel ragen wie riesige Barhocker. Die Hügel drumherum sind unförmig aufgehäuft und bestehen aus sandigem Gestein. Sie wirken, als würden sie jeden Augenblick in sich zusammensacken. In einer kleinen Hütte legen wir eine Pause ein. Darin haben Wissenschaftler das Skelett eines Corythosaurus ausgestellt. Der drei Tonnen schwerer Koloss muss einst an diesem Fluss gelebt haben und später ertrunken sein. Wir erkennen seine Rippenknochen, seinen Schädel und sogar ein Stück Haut. Alles liegt hier auf einem Haufen, als sei es erst gestern angespült worden und nicht vor 75 Millionen Jahren.

 

 

Über die Public Loop Road, eine 3,2 Kilometer lange Schotterstraße, geht es von den Ausgrabungsfeldern zurück zum Parkeingang. Weil sie außerhalb des Sperrgebiets liegt, darf jeder nach Belieben auf ihr fahren oder wandern. Abzweige führen zu kurzen Trails, auf denen man den Park mit Hilfe von kleinen Ausstellungstafeln auf eigene Faust erkunden kann. Zurück am Besucherzentrum verabschieden wir uns von Brad und schauen noch kurz in der Ausstellung des Royal Tyrrell Museums vorbei.

Paläontologen bei der Arbeit. Foto: Travel Alberta

Das zwei Fahrstunden weiter nördlich in Drumheller gelegene Museum stellt 120.000 Fossilien und 40 Skelette aus der Region zur Schau und hat im kleinen Infohäuschen des Parks mehrere Dinosaurier originalgetreu wieder aufgebaut. Beispielsweise wurde eine Szene nachgestellt, die dramatischer kaum sein könnte: Eine Herde kleiner Dromaeosauriden greift einen gigantischen Lambeosaurus an, zerrt an seinen Gliedmaßen und verwickelt ihn in einen Kampf auf Leben und Tod. Am Ende bleibt offen, wer den Kampf gewonnen hat. Eines aber wird uns spätestens jetzt klar: Die Badlands sind alles andere als öde!

Bei Sonnenuntergang badet der Park in allen Rot- und Gelbtönen. Foto: Travel Alberta

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