Latuperisa-Andresen ist Chefredakteurin des deutschsprachigen Luxusreisemagazins reisen EXCLUSIV.

Bis zum Jahr 2009 war der CN Tower in Toronto der höchste Fernsehturm der Welt. Heute darf man auf ihm spazieren gehen. Die Autorin fragt sich, ob das erstrebenswert ist.

 

Christoph hat auch Höhenangst. Das haben wir gemeinsam. Ansonsten unterscheiden wir uns in ziemlich vielen Punkten. Zum Beispiel nimmt er gerne die eine oder andere Herausforderung an, ich hingegen lehne sie meistens ab. Deswegen stehe ich nun sicher im Turm hinter Glas, während er draußen einen Fuß vor den nächsten schiebt. Ich bekomme allein vom Zusehen weiche Knie, denn er befindet sich auf einem anderthalb Meter breiten Steg lässige 356 Meter über Toronto. Geländer? Fehlanzeige!

Die Skyline mit dem CN Tower, von den Toronto Islands aus gesehen. Foto: Jennifer Latuperisa-Andresen.

Der Canadian National Tower gilt als architektonisches Meisterwerk. Nach seiner Eröffnung im Jahr 1976 war er gut dreißig Jahre lang das höchste Bauwerk der Welt. Allein am ersten Tag lockte er 12.000 Besucher an, inzwischen sind es jedes Jahr bis zu zwei Millionen. Der Turm beherbergt ein Drehrestaurant und zwei Aussichtsplattformen, von denen eine seit 1994 über einen Glasboden verfügt, der eine Herde Elefanten tragen würde. Ich jedoch setze keinen Fuß darauf. Der Weg nach oben im gläsernen Fahrstuhl war für mich bereits Adrenalin pur. Und auf die neueste Attraktion, den Edge Walk, bringen mich keine zehn Pferde!

Immer am Rand entlang: Der Edge Walk auf dem Dach des Drehrestaurants ist nichts für schwache Nerven.

Auch für Christoph war der erste Schritt nach draußen eine Herausforderung. Bestimmt fragte er sich in diesem Augenblick, warum er sich immer zu solchen waghalsigen Aktivitäten überreden lässt. „Komm schon – nur noch ein Stückchen, und du schwebst über der Stadt!“ Das sagt sich so leicht. Im Gegensatz zu Christoph wirkten manche aus seiner Gruppe tatsächlich entspannt. Die Waghalsigen schoben sogar gleich ihren Allerwertesten so weit über den Abgrund, dass sie nur noch das Sicherungsseil hielt.

Bei der unvermeidlichen Titanicpose zeigt sich, wer Nerven hat!

Der eigentliche „Spaziergang“ dauert 30 Minuten. Beschäftigt ist man allerdings über zwei Stunden. Allein das Anlegen des Klettergeschirrs, das an einer Schiene über den Köpfen eingehakt wird, braucht seine Zeit. Die Brillen werden gesichert und die Münder untersucht. Kaugummis sind nämlich ebenso wie Kameras und Handys verboten, weil sie sich für Spaziergänger zu gefährlichen Geschossen entwickeln könnten. Für Film- und Fotomaterial sorgt daher die Helmkamera des Guides, und Christoph kann sich auf das Laufen konzentrieren.

Nicht ohne Seil, Geschirr und Karabinerhaken: Beim Edge Walk wird Sicherheit ganz groß geschrieben!

Zum Glück lacht die Sonne. Der Edge Walk wird schließlich auch bei Wind und Wetter durchgeführt. Im Nebel ist er eine ganz besondere Erfahrung, habe ich gelesen. Ich verzichte trotzdem darauf und genieße lieber den Fernblick, denn der hat es in sich. Insbesondere auf der Seeseite, wo der Ontariosee im Licht funkelt, als wäre er das Karibische Meer. Ja, Toronto ist auch von oben schön!

Unmittelbar vor den Schuhspitzen geht es 350 m in die Tiefe.

Christoph hat jedoch längst den Blick fürs Wesentliche verloren. Die Stadt unter ihm ist ihm eigentlich schnuppe. Zumindest zu Beginn. Doch dann, als er nach einigen Schritten dem Material traut, breitet sich in ihm das erhabene Gefühl aus, über den Dingen zu schweben. Er breitet die Arme aus und stellt sich vor zu fliegen. Als er wieder vor mir steht, kann er seinen Stolz nicht verbergen. „Das nächste Mal gehst Du mit“, fordert er mich auf. Aber da kennt er mich schlecht. Wie ich bereits sagte: Bis auf die Höhenangst sind wir sehr unterschiedlich.

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