Der rote Helm sitzt fest auf dem Kopf. Die Rettungsweste ist festgezurrt. Es gibt keine Ausreden mehr. Die erste Stunde meines Wildwasserpaddelkurses kann beginnen. Bevor ich ins Boot darf, schickt mich meine Lehrerin Katrina erst mal in die kalten Strudel des Madawaska Rivers. So will sie mir die Angst vor dem Kentern nehmen. „Wenn du schon nass bist, dann fürchtest du dich nicht mehr ins Wasser zu fallen“, erklärt sie mir ihr Trainingsprogramm. Klingt logisch.

 

Ich bin auf der Canadian Canoe Route im Osten des Landes unterwegs. Die führt den Reisenden auf Spuren des Kanus durch die Provinz Ontario.

 

Stromschnellenfahrt für Anfänger   

Kanukurs am Madawaska River - Foto: Rasso Knoller

Katrina Kerckhoff, Mitte 20, ist Extrempaddlerin und stürzt sich auch schon mal von zwanzig Meter hohen Wasserfällen in die Tiefe. Und sie ist Tochter einer Weltmeisterschaftsmedaillengewinnerin. Ihre Mutter Claudia holte 1982 Bronze im Kanuslalom. Bei so einer Lehrerin kann ich mich in sicheren Händen fühlen. „Lehn dich weiter nach rechts, das Paddel etwas senkrechter einstechen, jetzt rückwärts paddeln, hinein in den Strudel“ – Katrinas Anweisungen kommen klar und deutlich. Sie sitzt vorne, ich sitze hinten und soll das Boot durch die Stromschnellen steuern. Irgendwie ist alles ganz einfach, allerdings nur solange Katrina mir sagt, was ich zu tun habe. Am Ende des zweistündigen Crash-Kurses meistere ich die Stromschnellen der Klasse II aber auch allein. Zugegeben, im Verzeichnis der Stromschnellen-Schwierigkeitsgrade wird Grad II wenig spektakulär so definiert: „Sie können bespritzt werden.  Leichte Wellen, die einfach zu sehen sind.“ Der Profi mag lachen, aber mir kamen die Strudel zu Beginn des Kurses nahezu unbezwingbar vor. Ein bisschen Stolz gönne ich mir am Ende des kleinen Lehrgangs deswegen schon.

 

Ministerpräsident im Kanu 

Liebeserklärung im Kanu: Kanadische Postkarte aus den 1920er Jahren

Nach so viel Praxis habe ich mir auf meiner Reise etwas trockene Theorie verdient. Wobei „trocken“ in diesem Zusammenhang eine durchaus positive Bedeutung bekommt. Im Canadian Canoe Museum in Peterborough, dem größten seiner Art weltweit, führt mich Jeremy Ward durch die Hallen. Der sportliche Glatzkopf ist einer der führenden Kanurestauratoren des Landes und hat im Museum sein Hobby zum Beruf gemacht. Keine Frage zu Kanus, die er nicht beantworten kann. Er erzählt, dass Kanada einst nur mit Hilfe des Kanus erschlossen werden konnte – eine Strecke, für die man mit dem Pferd zwei Wochen brauchte, legte man paddelnd in zwei Tagen zurück. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Wasserwege deswegen die Highways des Landes.

 

Peterborough ist nicht durch Zufall  der Standort eines Kanumuseums. Hier lag einst das weltweite Zentrum der Kanuproduktion – niemand hat so viele Boote hergestellt wie die 1893 gegründete Peterborough Canoe Company.

 

Mehr als 600 Kanus und Kajaks sind heute hier ausgestellt, darunter auch das Birkenrindenkanu des ehemaligen langjährigen kanadischen Ministerpräsidenten Pierre Trudeau, dem Vater des heutigen Regierungschefs. Dass selbst ein Spitzenpolitiker in seiner Freizeit mit dem Kanu unterwegs ist verdeutlicht welche Bedeutung das kleine Boot in Kanada hat.

 

Flitterwochen im Kanu 

Paddel Selbst Gemacht - Foto: Rasso Knoller

Kanufreak Ward hat sogar seine Hochzeitsreise auf Paddeltour in einem Birkenrindenkanu verbracht. Zwei Wochen ist er mit der Liebsten durch die kanadische Wildnis gepaddelt. Ward schwärmt aber rückblickend weniger von der romantischen Zeit mit seiner Frau, als von seinem Kanu.  Birkenrindenkanus sind nämlich heute selbst in Kanada eine Rarität. So große Bäume, deren Rinde man zum Bau verwenden könnte, gibt es nur noch selten. Ein Paddel  kann man aber immer noch selbst machen. Holz ist in Kanada ausreichend vorhanden. Weil entlang der Canadian Canoe Route Theorie und Praxis immer wieder abwechseln, steht nach dem Museumsrundgang ein Paddelschnitzkurs auf dem Programm. Da die Grobform schon an der Maschine vorgearbeitet wurde, stellt sich das ganze einfacher als gedacht dar – und am Ende des Tages verlasse ich mit einem durchaus brauchbaren Paddel Marke Eigenbau das Museum.   

 

Ein Ritt über die Stromschnellen 

Ottawa River Wildwater Rafting - Foto: Rasso Knoller

Dann geht es wieder ins Wasser. Auf dem Ottawa River steht Wildwater Rafting auf dem Programm. Auch diesmal gibt es keine Chance, trocken zu bleiben. Die Stromschnellen hier sind nämlich von ganz anderem Kaliber als am Madawaska River. Dass die Sache trotzdem ein gutes Ende nimmt, dafür soll Matt sorgen. Er steuert unser Raft, in dem außer mir noch sechs weitere Touristen sitzen und mitpaddeln. Selbst wenn irgendjemand von uns über Bord gehen sollte, hat er nichts zu befürchten. Das jedenfalls verspricht uns Matt: „Zieht die Beine an, damit ihr nicht gegen die Felsen schlagt, lasst euch einfach treiben, genießt den Trip durch die Wellen und wartet bis Sascha kommt“. Sascha ist ein deutscher Weltenbummler, der hier für eine Saison als „Safety Paddler“ angeheuert hat. Als solcher folgt er dem Schlauchboot und ist als rettender Engel zur Stelle, falls jemand ins Wasser fällt. Bei unserer Tour ist Hilfe nicht nötig. Dank Matt meistern wir alle Stromschellen souverän und fühlen uns bald schon als Wildwasserhelden.

 

Auf der Spur der Voyageurs

 

Auf dem Ottawa River sind wir auf einer historischen Kanuroute unterwegs. Der 1270 Kilometer lange Fluss war eine der Haupthandelsrouten der Algonkin  und auch die Pelzhändler, die Voyageurs, waren hier unterwegs. Meist schufteten die Männer 14 Stunden und mehr pro Tag. Dabei mussten sie die Boote nicht nur durch reißende Stromschnellen lotsen, sondern die Lasten über lange Portagestrecken bergan und bergab schleppen. Viele Voyageurs ruinierten dadurch ihre Gesundheit, die meisten starben früh. Die wilden Burschen waren aber Volkshelden und ihre Taten wurden in vielen Liedern besungen und in Gedichten gepriesen. Und am Ende der Canadian Canoe Route darf sich jeder Tourist ein bisschen wie ein Voyageur fühlen – wie ein Held, der das  wilde Wasser bezwungen hat.

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