Latuperisa-Andresen ist Chefredakteurin des deutschsprachigen Luxusreisemagazins reisen EXCLUSIV.

Nur acht Sekunden entscheiden über die Zukunft des Reiters. Hält er sich oder fällt er? Das Pferd bockt. Das Publikum hält den Atem an. Eine elektrisierende Spannung liegt in der Luft. Die Calgary Stampede ist ein Erlebnis. Sie ist das größte und sicherlich aufregendste Rodeo der Welt.

 

Zwei Cowboys lehnen am Gatter. Über den karierten Hemden tragen sie eine Startnummer auf dem Rücken, einen respektablen Hut auf dem Kopf und mächtige Stiefel mit Sporen an den Füßen. Sie kauen auf Zahnstochern. Reden keinen Ton. Denn Cowboys sind schweigsame Burschen. Mit offenen Augen schauen sie rechts und links entlang der Tribünen in der Arena der Calgary Stampede. 20.000 Menschen sitzen dort. Und werden ihnen zusehen. Den Atem anhalten. Und hoffentlich, ja hoffentlich, werden sie am Ende jubeln.

Jeder Cowboy hat sein eigenes Ritual, bevor es in die Arena geht. Foto: Jennifer Latuperisa-Andresen

Calgary ist alljährlich der Saisonhöhepunkt des Wanderzirkus der Rodeoreiter. Zehn Tage im Juli. Westernsport in sechs Disziplinen Hier werden die höchsten Preisgelder ausgeschüttet. Zwar sind die Beträge eher niedlich gegen die Boni für das Tor eines Weltfußballers, aber immerhin handelt es sich um eine stattliche Summe. Hinzu kommt eine gehörige Portion Ruhm. Die meisten im Publikum warten jedoch auf Bull Riding. Die zwei Cowboys stehen noch immer wortlos da. Lassen die »greatest outdoor show on earth« auf sich wirken. Es riecht nach Heu und nach Leder und ein bisschen nach Frittierfett. Die zwei Männer irritiert das nicht. Sie verziehen keine Miene. Sie warten auf ihren großen Auftritt.

Die Stiefel der Cowboys verfügen meist über Sporen. Foto: Jennifer Latuperisa-Andresen

Die Stampede ist jedoch weit mehr als ein Rodeo. Eine Parade durch die Straßen Calgarys eröffnet die Show. Menschen postieren sich mit ihren Campingstühlen am Wegesrand. Es scheint, als wären alle 1,5 Millionen Stampede-Besucher gleichzeitig auf den Straßen, um den 4000 Menschen, 700 Pferden und einem Bullen beim Marsch durch die Stadt zuzuschauen. Der Bürgermeister reitet voran.

Bei den Wettbewerben kann man hautnah dabei sein. Foto: Jennifer Latuperisa-Andresen

Auf die Idee der Parade kam einst Lassokünstler Guy Weadick, der Ende des 19. Jahrhunderts die Völker der First Nations über die Straßen schickte, immerhin 1800 Personen seinerzeit. Heute ist die Stampede auch ein Rummelplatz mit Fahrgeschäften und Losbuden, praktisch ein großer Freizeitpark mitten in der Stadt. Und ein Magnet für Menschen aller Altersklassen. Denn die Stadt ist im Ausnahmezustand. Die Businessanzüge werden gegen Jeans getauscht. Die Kleider gegen Westernblusen. Es ist gelebte, ja zelebrierte Tradition. Abends in den großen Festzelten treten Countrybands auf. Es darf getanzt werden. Meist ein Line-Dance, also ausschließlich choreografierte Tanzbewegungen. Für diese Konzerte muss man sich mittags bereits anstellen. Stundenlang. Ähnlich wie beim Bierzelt auf dem Oktoberfest, nur mit einem Hauch Bonanza.

Ein echter Cowboy hält auf sein Äußeres! Foto: Jennifer Latuperisa-Andresen

Wesley Silcox will man diese eine Frage stellen: Warum machst Du das? Er ist einer der Cowboys vom Gatter. Bullenreiter. Ohne ein Wort marschiert er erhobenen Hauptes zur Box und setzt sich auf den Bullen. Die Lederhandschuhe sichern seinen Griff. Sein Blick ist konzentriert. Acht Sekunden lang soll sein Ritt dauern. Acht Sekunden muss er sich halten – so will es die Regel. Sein Bulle heißt Seven Dust. Fast zu niedlich für dieses wutschnaubende Tier. Welsey hält sich gut, aber nicht gut genug. Ein Raunen ertönt von der Tribüne. Der Stadionsprecher fordert Applaus. Niemand soll traurig das Feld verlassen. Es wird ein nächstes Mal geben, sagt er. Ein nächstes Mal auf der Stampede im kommenden Jahr. Und es wird sich lohnen, wieder dabei zu sein.

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